Archiv des Autors: Stephan Griebel

vocational school: Lehrersein ist eine Berufung

Vielleicht geht es nur mir so, doch schwingt in meinen Ohren im Englischsprachigen Begriff “vocational school” viel mehr der Geist der Berufung (lateinisch: vocatio) mit als beim deutschen Analogon der “Berufsschule”. Stehe ich damit alleine oder empfinden andere ebenso?

Ich bin der festen Überzeugung, dass alle Lehrerinnen und Lehrer – von nur ganz, ganz wenigen Ausnahmen abgesehen – diesen, ihren Beruf aus Idealismus heraus ergriffen haben. Leider wird dieser Idealismus allzuoft in unserem Schulsystem im Laufe der Jahre verschüttet. Wäre es nicht schön, wenn alle Lehrerinnen und Lehrer sich wieder an den Moment ihrer Berufung erinnern würden? Als sie damals entschieden haben, diesen Lebensweg einzuschlagen? Und wenn sie sich jeden Morgen daran erinnern würden, um tagsüber in der Schule vor der Klasse daran anzuknüpfen? Ich für meinen Teil wünsche es ihnen von ganzen Herzen.

Drei Schwächen im deutschen Bildungssystem

Meine berufliche Tätigkeit ermöglicht es mir, Einblick in die Bildungssysteme vieler anderer Länder zu bekommen. Dazu zählen die vergleichsweise wohlhabenden Länder West-, Zentral- und Nordeuropas, unsere süd- und osteuropäischen Nachbarländer aber auch mehrere Länder des Nahen Ostens. Im Vergleich mit vielen dieser Länder muss bei uns vieles ziemlich gut laufen, sonst ginge es uns nicht so gut und wir würden nicht so beneidet. Andererseits könnten wir meiner Meinung nach noch viel besser sein, wenn wir folgende drei grundlegende Schwächen unseres Systems angehen würden. Diese sind in meinen Augen:

1) Dürftige finanzielle Ausstattung

2) Ständiges Herumbasteln an den äußeren Strukturen

3) Selbstverständnis der Lehrerinnen und Lehrer und Wertschätzung des Lehrberufes in der Öffentlichkeit

 

@1)  Dürftige finanzielle Ausstattung:

Laut Eurostat lagen die Bildungsausgaben in Deutschland 2011 bei 4.98% des BIP, der EU Durchschnitt bei 5.25%. Das Geld nicht alles ist, sieht man an Schweden. Die Bildungsausgaben sind mit 6.82% fast zwei Prozentpunkte höher als bei uns, gleichwohl ist man dort mit seinem System gar nicht zufrieden. Andererseits halte ich die Diskussion über unsanierte Schultoiletten für beschämend, die Begründungen für die Schulschließungen in ländlichen Gebieten für demütigend und den jährlich wiederkehrenden Kampf um Lehrerstellen für haarsträubend.

@2) Ständiges Herumbasteln an den äußeren Strukturen:

In keinem anderen mir bekannten Land wird so heftig über äußere Schulstrukturen diskutiert wie in Deutschland. Ständig werden neue Schulformen erfunden, in der Hoffnung und Erwartung, dass sich dann schon alles zum Besseren wenden wird. Und wenn nicht, auch egal, dann erfinden wir halt was Neues.

Nehmen wir zum Beispiel die Schulformen der Sekundarstufe 1: Sind die Unterschiede zwischen Hauptschule, Realschule, Regionalschule, Regelschule, Sekundarschule, Mittelschule, Oberschule, Realschule plus, Erweiterte Realschule, Gesamtschule und Gymnasium in der Sek1 wirklich so groß, dass man dafür 11 Schulformen benötigt? Dabei sind die verschiedenen Zweige oder sonstiges noch gar nicht berücksichtigt! Ich kann es mir beim besten Willen nicht vorstellen. Was hier an Zeit, Geld und Energie verbrannt wird? Wo könnten wir stehen, wenn wir uns nur endlich mal auf ein Modell einigen könnten.

@3) Selbstverständnis der Lehrerinnen und Lehrer und Wertschätzung des Lehrberufes in der Öffentlichkeit:

In noch keinem anderen Land ist mir ein Spruch entgegengeschlagen wie “Ich bin ja nur Lehrer.” Woher kommt dieses Sich-klein-machen nur her? Laut Allensbach Studie von 2013  ist Lehrer einer der angesehensten Berufe in Deutschland. Kein Arzt oder Handwerker stellt sein Licht derart unter den Scheffel: “Asche auf mein Haupt. Ich bin ja nur xyz.” Der bescheidene Auftritt ehrt unsere Lehrerinnen und Lehrer, doch während andere lediglich ihren Jobs nachgehen, haben Lehrerinnen und Lehrer die Möglichkeit, ihren Beruf (Berufung!) zu leben. Tut dies und strahlt dies auch aus.

Digitale Medien an Schule – Das Gesamtkonzept multiplikativ denken!

Beruflicherseits beobachte ich immer wieder mit Kopfschütteln, wie vorhersehbar diverse one-to-one Projekte in Schulen scheitern. Man startet hochmotiviert, versucht sich durch die Schwierigkeiten zu beissen und muss am Ende doch entnervt die Segel streichen. Es macht mich traurig zu sehen, dass immer noch so oft viel Zeit und Energie, schlicht Lebenskraft sinnlos vergeudet wird. Interessanterweise scheinen Großprojekte noch häufiger betroffen als Schulen, die sich alleine und gemeinsam mit anderen auf den Weg machen. Häufigster Grund für das Scheitern ist wohl, dass die Projekte nicht komplett durchdacht sind, und schon gar nicht durchfinanziert. Zumeist reicht das Geld für schmucke Endgeräte, ein paar interaktive Tafeln und ein klein bisschen hier und da, doch Software und Content sollen sich die Lehrkräfte bitte selbst zusammengooglen, und die Erste Schritte Fortbildung zur Einführung muss auch reichen. Klar, dass solche Projekte scheitern müssen.

Der grundlegende Fehler – im kleinen, und erst recht im großen – ist wohl, dass die Komponenten des Konzeptes additiv gedacht werden:

Erfolgreiches Gesamtkonzept = Infrastruktur + Endgeräte + Software + Fortbildung + Content + x

Wenn eine Komponente ausfällt, also z.B. Fortbildung gleich Null, so kann man nach dieser Vorstellung immer noch erfolgreich sein. Schliesslich gibt es genügend andere Summanden, die eine positiven Beitrag leisten. Nach der Vorstellung läßt sich der Ausfall eines Teilbereiches dadurch auffangen, dass man einer anderen (oder mehrere) moderat vergrößert.

In meinen Augen richtig wäre, die Komponenten multiplikativ zu betrachten. Leider geschieht genau dies viel zu oft nicht.

Erfolgreiches Gesamtkonzept = Infrastruktur * Endgeräte * Software * Fortbildung * Content * x

Der Unterschied zum ersten Ansatz? Ganz einfach: Fällt auch nur eine einzige Komponente aus, dann war’s das mit dem Erfolg. Mathematisch gesprochen: Ein Produkt ist Null, wenn einer der Faktoren Null ist. Interessanterweise ist das Produkt auch dann fast Null, wenn bereits einer der Faktoren fast Null ist. Denn zum Ausgleich müßten die anderen Faktoren (mindestens einer) überproportional groß werden. Was ziemlich offensichtlich keinen Sinn macht: fünfmal mehr Infrastruktur gleicht kaum ein fünftel Content aus. Stichwort: ‘Antiproportionale Zuordnung‘. Oder für die Oberstufler: Limes von 1/x für x gegen Null.

Im Falle der digitalen Endgeräte ist es klar: Keine digitalen Medien im Schülerhand, kein one-to-one. Klar ist auch, dass es ohne eine gewisse Infrastruktur nicht geht. Ohne vernünftige Software läßt sich nicht unterrichten. Ohne ausreichende Fortbildung und ohne Content aber auch nicht. Wenn man sich die multiplikative Struktur der ‘Konzeptgleichung’ erst mal richtig bewußt gemacht hat, ist völlig einleuchtend, dass keine Komponente verzichtbar ist. Alle Komponenten sind gleichermaßen notwendig. Keine einzige ist für sich alleine hinreichend.

Ach übrigens, ich verstehe die oben genannten Kompontenen in einem sehr breiten Sinne. Infrastruktur umfasst nicht nur Whiteboards, Server und Breitband, sondern auch schlicht ausreichend Steckdosen und ganz essentiell auch Service. Software bedeutet für mich mehr als einen Browser und ein paar zusammengeklickte Apps für lau. Fortbildung hört nicht bei der (Bedien-)Einführung auf, sondern begleitend jeden bis er’s oder sie’s didaktisch und methodisch in seinem/ihrem Fach drauf hat. Und Content wird auch nicht einfach wild zusammenkopiert, sondern da steht ein fundierter konzeptioneller Rahmen dahinter.

Didacta 2014: Frei nach Adam Riese

Auf der Didacta 2014 lagen an einem Stand auf dem Gang in Nähe der Halle 1 Postkarten mit  schulbezogenen Sprüchen zum Mitnehmen aus. Bei der Aussage “Frei nach Adam Riese” habe ich gestutzt. Frei nach Adam Riese – bedeutet dies, dass wir vor Adam Ries(e) unfrei waren? In dem Sinne, dass Adam Ries mitgeholfen hat, das Rechnen-Können breiteren Bevölkerungsschichten zugänglich zu machen (Rechenbücher in deutscher statt lateinischer Sprache, praktische arabische Zahlen statt unhandlicher römischer, riesige Verbreitung seiner Werke), hat er uns tatsächlich unabhängig und damit frei gemacht von den damaligen gelehrten Rechenmeistern. Ein wichtiger Beitrag zur Demokratisierung von Bildung. Frei dank Adam Riese – ein wunderbarer Gedanke. Danke, Adam Riese.

Fundstück Didacta: Frei nach Adam Riese

Fundstück Didacta: Frei nach Adam Riese

Mathe ist überall (55) – Vermögensverwaltung kann sehr kompliziert sein

Geometrische und algebraische Notizen zur Illustration einer Anzeige zur Vermögensverwaltung der HypoVereinsbank Private Banking. Gefunden in Süddeutsche Zeitung vom 7. Februar 2014

Kegelschnitte und Raumdiagonalen sind nicht mehr in allen Bundesländern teil des Lehrplans und mögen daher kompliziert erscheinen, doch hätte ich beim Stichwort “Vermögensverwaltung” doch eher graphische Anleihen aus der Statistik erwartet. Wer mehr zu finanzmathematischen Fragen erfahren will, kann zum Einstieg z.B. das Börsenlexikon der FAZ zu Rate ziehen.

Geometrische und algebraische Notizen zur Illustration einer Anzeige

Geometrische und algebraische Notizen zur Illustration einer Anzeige