Archiv der Kategorie: Bildung

Ist Idealismus in der Schule überhaupt noch sinnvoll?

In meinen Blogs Hab Mut, Profi zu sein (17.09.09) und Warum sich Lehrer zuvorderst selbst aus den Sumpf ziehen sollten (03.10.09) habe ich beschrieben, dass sich Lehrer professionalisieren müssen, um ernst genommen zu werden, und dass der Anstoß dazu in erster Linie von ihnen selbst kommen muss. Mit Kollegen aus Großbritannien und Schweden habe ich vor einigen Tagen genau zu dieser Frage gesprochen. Als gemeinsamen Nenner haben beide erklärt, dass die zunehmende Professionalisierung in ihren Ländern hauptsächlich von den jung einsteigenden Lehrern getrieben wird. Für diese stellt sich die Frage nach der Berufswahl anders, als sie sich für die, sagen wir mal im letzten Dienstdrittel stehenden Lehrer seinerzeit gestellt hat. Es geht weniger um die Berufung zum Lehramt, es geht um eine nüchterne Aufwand-Nutzen-Risiko-Rechnung.

Die heute Junglehrergeneration ist von ganz anderen Erfahrungen geprägt als es die Generationen vor ihnen waren. Prägend hinsichtlich der Arbeitswelt scheint unter anderem zu sein, dass Unternehmen heute weniger loyal zu ihren Mitarbeitern stehen, in Guten wie in schlechten Zeiten, so wie sie es in früheren Zeiten anscheinend getan haben. Mit anderen Worten: egal wie persönlich engagiert ich mich einbringe, ob ich je krank war oder nicht, das alles zählt wenig, wenn die Entlassungswelle durch’s Unternehmen läuft. Warum sollte ich also mehr Idealismus zeigen als nötig? Wenn der Shareholder seinen regelmäßigen Profit einfordert, dann bekommt er ihn, aber auch nicht einen Deut mehr. In einer simplen Aufwand-Nutzen-Risiko-Analyse kommt der Lehrerberuf nicht schlecht weg. Nach gängiger Meinung hat man als Lehrer nach einer gewissen Einarbeitungszeit im Großen und Ganzen einen erträglichen Job auch dank ausreichend viel Ferien und akzeptabler Bezahlung. Warum also nicht Lehrer werden?

Oder gehört zum Lehrerberuf doch ein gehöriges Maß an Idealismus? So sehr ich mich über jeden Lehrer und jede Lehrerin freue, die ihre Aufgabe als Berufung begreifen und nicht lediglich als Job, so wenig halte ich diesen Idealismus für zwingend erforderlich. Für mich ist es in erster Linie wichtig, dass unsere Lehrkräfte Freude an ihrer Arbeit haben, gleich aus welchen Motiven heraus. Nur wenn sie selbst Freude empfinden, kann guter Unterricht gelingen. Guter Unterricht in diesem Sinne ist einer, den unsere Kinder gerne besuchen und von dem sie etwas mitnehmen, fachlich und menschlich.

Im System Schule wird Idealismus zukünftig übrigens zunehmend weniger honoriert. Die bundesweite Einführung von Vergleichsarbeiten und Zentralabitur hat zur Folge, dass es in wachsendem Maße darauf ankommt, was hinten herauskommt; sprich: wie die anvertrauten Schüler, man selbst, seine Schule, sein Bundesland gegen einen von außen gesetzten Vergleichsmaßstab abschneiden. Der Output gewinnt also gegenüber dem Input an Bedeutung. Vorausgesetzt man findet Konsens hinsichtlich des gewünschten Outputs, muss ein solcher Ansatz gar nicht falsch sein. Stellt nicht genau dieser Output die Grundlage für das gesamte weitere Leben des jungen Menschen dar und wer will schon für eine mangelhafte Grudnlage eintreten?

In einem solchen Output-orientierten System wird Erfolg als Grad der Zielerfüllung verstanden und gemessen. Vermutlich liegt man richtig mit der Annahme, dass in einem solchen System der professionelle gegenüber dem berufenen Lehrer größere Erfolgsaussichten hat, da er seine Energie nicht auf das Hinterfragen der Motive hinter den Zielvorgaben aufwendet, sondern einfach liefert, was von ihm verlangt wird. Mit dem Wegfall der Mitsprache entfällt jedoch ein Korrektiv auf die weitere Entwicklung von Bildung. Entscheidungen über Bildung werden zunehmend von außerhalb der Schulen getroffen und von den Schulen lediglich exekutiert. Die Schule wir also verstärkt fremdbestimmt, was so nicht gewollt sein kann.

Fazit: Ein motivierter, professionell abgeklärter Lehrer ist für Schule ebenso wertvoll wie ein motivierter, idealistischer Lehrer. Beide haben ihre Bedeutung und ihren Stellenwert in dem und für das im System Schule. Eine einseitige Ausrichtung auf einen Typus und Bevorzugung desselben hätte fatale Folgen und muss daher vermieden werden. Ziel muss sein, ein Gleichgewicht zwischen den beiden genannten Lehrertypen herzustellen.

Blogs von Mathelehrenden

Ich möchte gerne mit Eurer Hilfe eine Übersicht über die bloggenden Mathematiklehrerinnen und -lehrer, Mathedidaktikern und ähnliches zusammenstellen. Sicherlich kennt ihr ganz viele. Bitte ergänzt Eure Hinweise über die Kommentar-Option, schickt mir eine Mail (s-griebel(at)web.de) oder über Twitter eine Direct Message an @sjgriebel. Die gesammelten Ergebnisse werden hier laufend ergänzt.

Bislang gefunden (15.4.10)  und alphabetisch nach Vorname sortiert:

  • Andrea Schellmann, RMG Haßfurt, Blog, Twitter, Schulart/Schulstufe:  Gymnasium
  • Andreas Schuster, Fachleiter, Schweinfurt, Blog,  Twitter, Schulart/Schulstufe: Gymnasium
  • Christian Spannagel, PH Heidelberg, BlogTwitter, Schulart/Schulstufe:  Hochschule, Hauptschule
  • Claudia Kilian, Blog, Schulart/Schulstufe: SI und SII
  • Dieter Klaudt, Blog, Schulart/Schulstufe:  Grundschule (letzter Blog von 2007)
  • Esther Henschen, Blog, , Schulart/Schulstufe: Förderschule, Grundschule, Hauptschule
  • Ivo Schwalbe, Blog, Twitter
  • Jessica Peters, Blog, Twitter
  • Jörg Kantel, Blog
  • Jörg S., Heinrich-Hertz-Schule, Karlsruhe,  Twitter
  • Maria Eirich, RMG Haßfurt, Blog, Twitter, Schulart/Schulstufe:  Gymnasium
  • Markus Hagemann, Blog, Twitter, Schulart/Schulstufe:  SII
  • Miriam (Vogelwarte), Blog, Twitter,  Schulart/Schulstufe:  Grundschule
  • prabodh, Blog, Schulart/Schulstufe: gymnasiale Oberstufe, FOS
  • René Grothmann, Uni Eichstätt, Blog, Schulart/Schulstufe: Hochschule
  • Rolf Kröger, Blog, Twitter, Schulart/Schulstufe: Hochschule, Berufskolleg
  • Stephan Griebel, Texas Instruments, Blog, Twitter, Schulart/Schulstufe:  SI und SII
  • Susanne Schäfer, Blog, Schulart/Schulstufe:  Grundschule
  • Ulli Kortenkamp, PH Karlsruhe, Blog, Twitter, Schulart/Schulstufe: Hochschule

Bloggende Physiklehrende:

Bloggende Chemielehrende

Vielen Dank für die bereits eingegangenen Hinweise. Danke im Voraus für weitere Tipps, Anmerkungen, Wünsche  etc.

Lautsprechen befördert Widersprechen

In der Diskussion über den Einsatz von Computern im Unterricht scheint es im Wesentlichen zwei unvereinbare Extrempositionen zu geben. Auf der einen Seite die totalen Befürworter, denen andererseits eine ebenso total ablehnende Front gegenübersteht. Während die einen ausschließlich die Chancen und Möglichkeiten hervorheben, malen die anderen Schreckensszenarien an die Wand. Je lauter die eine Seite ihre Heilsbotschaften verkündet, desto mehr Widerstand provoziert sie. Damit erreichen die Befürworter genau das Gegenteil von dem, was sie eigentlich beabsichtigen, statt Zustimmung ernten sie Ablehnung.

Da ich selbst von den Potentialen der Technologienutzung überzeugt bin, möchte ich daher insbesondere den Befürwortern einen Strategiewechsel empfehlen, nämlich neben dem Hervorheben der neuen Möglichkeiten eingestehen, dass nicht alles so rund läuft, wie es manche Pressemitteilung denken lässt.

In der Tat ist es ja so, dass über die breite Einführung von Computern im Unterricht nicht erst seit wenigen Jahren gesprochen wird. In meiner Schulzeit hatten wir Computerräume voller Commodore-Rechner, und zwischenzeitlich habe ich Lehrer kennengelernt, die mit ihren Schülern bereits mit Lochkarten programmiert haben. Dass wir heute immer noch über das Für und Wider streiten, muss also Gründe haben.

Der in meinen Augen wesentliche Grund ist, dass man sich mit jeder neu entwickelten Technologiegeneration zunächst an den technischen und finanziellen Fragen der Ausstattung abarbeitet um am Ende ernüchtert festzustellen, dass es wieder einmal an Unterrichtskonzepten, Fortbildung und anderen Hilfestellungen gemangelt hat. Dies geschieht im Kleinen ebenso wie im Großen. Vielleicht jüngster Fall: Vor wenigen Wochen musste man in Frankreich eingestehen, 45 Millionen Euro für nichts versenkt zu haben (siehe Beitrag in der ZEIT).  Es sei hier auch auf den Blog von  Alanna Shaikh: One Laptop Per Child – The dream is over hingewiesen.

Muss sich Geschichte wiederholen? Kann man denn nicht aus den alten Fehlern lernen? Doch, das kann man. Nur würde es verlangen, dass man nicht nur den Start eines Projektes mit großem Tamtam kommuniziert, sondern dass man Ende eines Projektes genauso deutlich über die aufgetretenen Schwierigkeiten spricht und Empfehlungen gibt, was man das nächste Mal anders machen wird. Ich halte es für dringend geboten, dass Tagungen zu Computer im Unterricht regelmäßig Workshops und Vorträge zu den Dingen anbieten, die nicht funktioniert haben. Dies ist für die Masse der Zuhörer zwar nicht aufregend, prickelnd und spannend, für den Vortragenden sicherlich nicht unbedingt angenehm, für diejenigen, die die Sache aber wirklich voranbringen wollen, aber ungeheuer lehrreich.

Der vorgeschlagene Weg ist hart und steinig, es ist Kärrnerarbeit und bestimmt kein Vergnügen. Aber nicht nur das die eigenen Freunde was lernen können, vor allem müssten die Skeptiker und Kritiker einsehen, dass man nicht nur seine eigenen Neigungen befriedigt, sondern es richtig und tatsächlich ernst meint. Es würde ihnen gar nichts anderes übrig bleiben, als dieses Bemühen anzuerkennen, wollen sie sich nicht selbst durch fortgesetzten Starrsinn disqualifizieren.

Mein Wunsch an alle Technologiefreunde daher: Sprecht weiter über die Chancen. Sprecht aber ebenso über die Schwierigkeiten, die noch zu lösen sind. Nehmt damit den Kritikern den Wind aus den Segeln und tut der Sache schließlich was Gutes.

Ein Orientierungsprinzip für einen allgemeinbildenden Mathematikunterricht

Das Allgemeinbildungskonzept von Roland Fischer (O.Prof. an der Uni Klagenfurt) beinhaltet als zentrales Element die Kommunikationsfähigkeit eines Menschen mit Experten und der Allgemeinheit. Während in der Expertenausbildung eher das operative Wissen und Können im Vordergrund stehen, spielen in der Allgemeinbildung das Grund- und Reflexionswissen die wichtigsten Elemente dar. Einen Menschen mit guter Allgemeinbildung zeichnet demnach aus, dass er mit Experten verschiedenster Fachgebiete verständig kommunizieren und damit deren Aussagen sachgerecht beurteilen kann. Außerdem kann er sich selbst einer Allgemeinheit verständlich mitteilen. Mathematisches Modellieren und Interpretieren zusammen mit mathematischem Kommunizieren haben damit Vorrang vor dem Berechnen irgendwelcher Größen.

Eine mangelnde mathematische Allgemeinbildung zeigt sich dann z.B. folgendermaßen:

  • übertriebene Präzision: Prozentangaben werden grundsätzlich mit zwei Nachkommastellen angegeben, obwohl ganzzahlige Prozentwerte schon mehr als ausreichend wären.
  • Fehleinschätzung von Verhältnissen: Absolut gleiche Abweichungen stechen bei kleinen Mengen verhältnismäßig stärker heraus als bei großen Mengen, doch sind diese kleinen Mengen und damit Abweichungen davon selbst mitunter bedeutungslos, wenn die große Menge nur hinreichend groß genug ist. Große Prozentwerte finden mehr Beachtung gleich wie groß die Grundgesamtheit ist. Ausreißer verdecken den Blick auf das große Ganze.
  • Lügen mit Statistik: Die zahlreichen Beispiele sind hinlänglich bekannt, dabei geht es noch nicht einmal um die schwierigen Fälle in denen Wahrscheinlichkeiten oder relative Häufigkeiten gekoppelt werden. Bereits das richtige Lesen eines Graphen ist häufig schon eine nicht mehr zu meisternde Schwierigkeit.
  • … (ergänzen Sie hier Ihre eigenen Beobachtungen) …

Nun werden jedoch alle Wissenschaften zunehmend mathematischer, in dem die verwendeten Begriffe schärfer definiert und Ursache-Wirkung- Zusammenhänge genauer verstanden werden. Die Kommunikation mit und von diesen Experten muss demnach verstärkt eine mathematische Allgemeinbildung integrieren. Für den Mathematikunterricht unserer Schulen bedeutet dies, die oben genannten allgemeinbildenden Komponenten in den Vordergrund zu stellen und die operativen Anteile auf ein Minimum zu reduzieren.

Wie kann dies gelingen? Man wird nicht umhin kommen, einen Paradigmenwechsel an den Schulen herbeizuführen:

  • Reduktion der konkreten Inhalte auf einen wesentlichen Kern
  • Stärkung des exemplarischen Lernens
  • Konsequente Nutzung von Medien um operatives Handeln verringern zu können

Ich verbinde mit diesem Paradigmenwechsel die Hoffnung, zu einem Mathematikunterricht zu gelangen, der eine wahrhaft mathematische Allgemeinbildung im Fischerschen Sinne erlaubt; einem Unterricht also, der Menschen befähigt, mit Experten und Laien gleichermaßen über Fragestellungen in einem mathematisierten Kontext sachgerecht zu kommunizieren.

Warum Lehrer sich zuvorderst selbst aus dem Sumpf ziehen sollten

Der einzige Mensch, dessen Verhalten ich kontrollieren kann, bin ich selbst. Andere Menschen kann ich beeinflussen, kontrollieren kann ich sie nicht. Wenn ich also eine veränderte Schule möchte und davon überzeugt bin, dass es notwendig ist jeden Tag ein bisschen besser zu werden  dann muss ich bei mir selbst anfangen.

Viele Regularien im System Schule sind dem Anschein nach entwickelt worden, um schwarze Schafe daran zu hindern, weiter Unsinn zu treiben. Je mehr man jedoch von außen reguliert, desto weniger funktionieren die immanenten  korrigierenden Kräfte, schlicht weil sie nicht ständig trainiert werden. Wo man an anderer Stelle das klärende Gespräch gesucht hätte, schiebt man nun irgendeine Bestimmung vor oder ruft nach einer solchen. Nur um nachher zu beklagen, die Geistern, die man selbst rief, nicht mehr loszuwerden.

Wenn man aber an seiner persönlichen Verbesserung arbeitet, dann reflektiert man sein eigenes Tun und hält mit sich selbst Zwiesprache. Möchte man, dass sich jeder seiner Kollegen ebenso verbessert, dann wird man die Zwiesprache auf die Kollegen ausdehnen und damit Einfluss auf ihr Verhalten nehmen.

Veränderung beginnt für mich daher in erster Linie bei mir selbst. Dies ist der Bereich, den ich kontrolliere. Die Entscheidung, etwas zu tun oder nicht zu tun, liegt einzig bei. Wenn ich nicht länger fremdbestimmt leben möchte, dann darf ich nicht länger die äußeren Umstände für mein Schicksal verantwortlich machen, sondern muss mich der Verantwortung vor mir selbst stellen. Damit dehne ich nach und nach den von mir selbst bestimmten Bereich aus.

Danach oder auch parallel dazu, aber eben nicht ausschließlich, wirke ich dann auf mein Umfeld ein. Ich versuche eine gemeinsame Vision zu entwickeln und anderen Mut zu machen, nicht länger resigniert den Kopf in den Sand zu stecken, sondern Veränderung aktiv herbeizuführen. Damit ergibt sich ein Art Domino-Effekt und meine Einflusssphäre vergrößert sich.

Damit lässt sich mein Wunsch an unsere Lehrkräfte wie folgt zusammenfassen:

  • auf seine eigenen Stärken vertrauend an seiner eigenen Veränderung arbeiten
  • darauf aufbauend auf sein Umfeld einwirken damit der Wunsch nach Veränderung weite Kreise zieht.

Literatur: Stephen R. Covey: The 7 Habits of Highly Effective People: Powerful Lessons in Personal Change

Vom Einstellungsgespräch zum veränderten Mathematikunterricht

Um sich in einem Einstellungsgespräch einen zuverlässigen Eindruck von einem Bewerber zu verschaffen, bieten sich verschiedene Methoden an. Ich selbst stelle gerne situative Fragen. Ich möchte also herausfinden, wie sich der Bewerber in konkreten Situationen in der Vergangenheit verhalten hat und sich in fiktiven Situationen verhalten würde.

Reine Wissensfragen stelle ich nur wenige. Eine der wenigen Ausnahmen sind Fragen zur Mathematik, was unserer (= Texas Instruments Education Technology) primären Zielgruppe (= Lehrkräfte für Mathematik und Naturwissenschaften) geschuldet ist. Es geht mir hierbei in erster Linie nicht wirklich um das mathematische Wissen, sondern viel mehr die Reaktion auf die Frage als solche. Diese ist oftmals verwunderlich genug. Gleichwohl sind die Antworten zumeist sehr erhellend. Hier möchte ich den Aspekt der mathematischen Allgemeinbildung beleuchten.

Die erste Frage lautet: „Was fällt ihnen zu Pythagoras ein?“ Nach zumeist längerem Überlegen kommt in der Regel eine Antwort, die zwar nicht völlig korrekt ist, aber doch zumindest auf verschüttetes Wissen hindeutet. Zumeist antworten die Kandidaten bruchstückhaft etwas, was an aquadratplusbquadratgleichcquadrat erinnert. So weit so gut. Als nächstes folgt die Frage: „Bei welchem Dreieck gilt dies?“ Anfangs, vor meiner großen Ernüchterung, ging ich davon aus, dass nun das Wort „rechtwinklig“ fällt. Dies tut es aber nicht. Stattdessen wird fast ausnahmslos „gleichseitig“ vermutet. Hätten Sie’s gedacht?

Es wäre jetzt billig, die mangelnden mathematischen Kenntnisse weiter Teile der Bevölkerung als Anlass zu einem allgemeinen Lamento zu nehmen. In diesen Chor möchte ich nicht einstimmen, da ich gestehen muss, dass z.B. von meinem Latein-Unterricht auch nicht wesentlich mehr übrig geblieben ist.

Wenn also dieses Detailwissen, welches im Fall Pythagoras ständig und immer wieder eingebimst wird, schon nicht vorhanden ist, muss die Aufgabe des Mathematikunterrichts dann nicht etwas ganz anderes sein? Nämlich weniger Kalkül und Rechenschemata zu üben als viel mehr Strukturen zu erkennen und Beziehungen herzustellen?

Mathematikunterricht hat häufig viel mit Rechnen und wenig mit Mathematik zu tun. Oft wird an dieser Stelle die Kurvendiskussion geschmäht. Oder die seitenlangen Termumformungen in der Mittelstufe. Der Satz des Pythagoras wird aber ebenso missbraucht: Finde einen geeigneten rechten Winkel und damit den Schlüssel zur richtigen Schublade. Dies ist auch nicht sinnerfüllter als zu einer gegebenen Funktion alle charakteristischen Punkte zu berechnen.

Ich plädiere daher dafür, die Mathematik im Unterricht als eine lebendige Wissenschaft erfahrbar zu machen. Dazu gehört das Entdecken und Forschen, dass Mutmaßen und Irren genauso, wie das Erkennen, Ordnen und Beweisen.

Gibt es Menschen, die in diese Richtung arbeiten? Ja, die gibt es. Am besten vertraut sind mir die Lehrerinnen und Lehrer des Lehrernetzwerkes T3 Deutschland, die davon überzeugt sind, dass der  Einsatz von Technologie im Unterricht, ein Katalysator für Veränderung ist. Jedem, der an einem im oben Sinne beschriebenen Sinne veränderten Mathematikunterricht interessiert ist, sei empfohlen, mit T3 in Kontakt zu treten um mehr über deren Ziele und Vorstellungen zu erfahren.

Jeden Tag ein bisschen besser

In meinem Blog Hab den Mut, Profi zu sein! vom 17.9. 2009 äußerte ich den Wunsch, dass sich Lehrerinnen und Lehrer professionalisieren sollten und hierzu auch einigen Hinweisen gegeben. Angeregt durch einen Vortrag zur COACTIV-Studie möchte ich auf einen Punkt besonders eingehen, der im Berufsbild Lehrer meist nur eine untergeordnete Rolle spielt. Es ist dies der persönliche, innere Wunsch einer jeden Lehrkraft nach ständiger Verbesserung und Weiterentwicklung.

Es gibt Berufe, bei denen es beruflich und gesellschaftlich betrachtet selbstverständlicher Teil des Berufsbildes, seine eigenen Schwächen zu erkennen und an deren Behebung zu arbeiten, und sich kontinuierlich durch eigene Anstrengung und externe Unterstützung weiterentwickeln zu suchen. Hierzu gehören z.B. Sportler oder Musiker, aber auch andere Berufsgruppen. Von den Vertretern dieses Berufes, ob Profi oder Amateur, wird lebenslang eine stete Verbesserung des eigenen Könnens, als Minimum zumindest der Erhalt der eigenen Leistungsfähigkeit angestrebt.

Mein Eindruck, dass dies bei Lehrern nicht in gleichem Maße der Fall ist. Folgende Merkmale sind nicht Teil des Berufsbildes Lehrer:

  • regelmäßige Analyse individueller Stärken und Schwächen hinsichtlich fachlicher, pädagogischer, didaktischer oder methodischer Kompetenzen
  • darauf aufbauend Entwicklung eines individuellen Trainingsplanes
  • kontinuierliche Erfolgsmessung zur Sicherung des Erreichten und Feinjustieren des Trainingsplanes

Es lassen sich viele, zumeist äußere, durch das System Schule gegebene Gründe für diesen Sachverhalt nennen. Fakt bleibt, dass es so ist. Fakt bleibt auch, dass von außen wenig Hilfe zu erwarten ist. Bleibt nur eines: der Blick nach innen. Selbst wenn von außen große Anstrengungen unternommen würden, diesen Sachverhalt zu ändern, so würden diese doch nur fruchten, wenn sie auf die richtige innere Einstellung träfen. Dies bedeutet zu vorderst, dass sich die Lehrkräfte selbst, aus eigenem Antrieb und eigenen Willen heraus um diese stete Steigerung der persönlichen Fertigkeiten und Fähigkeiten bemühen müssen. Daher wünsche ich mir, dass jeder Lehrer für sich selbst das Bedürfnis entwickelt, jeden Tag ein bisschen besser zu werden.

Hab den Mut, Profi zu sein!

Bedingt durch meinen Werdegang kenne ich Schulen aus vielerlei Sichtweisen: von innen als Schüler und Referendar, von außen als Vater und täglich berufsbedingt. Klarerweise sind auch viele meiner Freunde Lehrer, so dass ich dem Thema Schule im allgemeinen und Lehrer im besonderen nicht entfliehen kann. Und, am Rande bemerkt, ja auch gar nicht will.

In all den Jahren ist mir ein Punkt besonders aufgefallen, den ich bei anderen Berufsgruppen in dieser Ausprägung nicht beobachten kann. Es ist die Scheu, professionell zu sein. Professionell in folgendem Sinne: es würde doch kaum jemanden einfallen, einem Handwerker in seine Arbeit reinzureden, oder einem Ingenieur oder Polizisten oder sonst wem. Diesen Berufsgruppen wird ihre Professionalität einfach unterstellt, und sollte doch jemand einmal Zweifel hegen, wird ihm das Gegenteil klar auseinandergesetzt.

Bei Lehrern scheint dies aber etwas anderes zu sein. Denn schliesslich war ja jeder mal in der Schule und kennt sich daher bestens aus. Und kann daher auch wunderbar mitreden, was die Schule, ergo Lehrer, neben der Stoffvermittlung nicht noch alles leisten sollen, was nicht alles falsch läuft und was zu tun wäre. Zum Wohle der Kinder, der Gesellschaft und der Menschheit überhaupt. In drastischeren Worten: Laien erdreisten sich, viele Dinge besser zu wissen, als diejenigen, die diesen Beruf in vielen Jahren Ausbildung gelernt haben und sich täglich in ihrem Geschäft bewähren.

Und was machen Lehrer typischerweise? – Sie lassen es sich gefallen.  Sie sind es gewohnt, dass alle Welt an ihnen zerrt. Durch ihre tägliche Arbeit geprägt, hören sie ihrem Gegenüber geduldig zu, bemühen sich allzeit um Verständnis und strengen sich redlich an, dem anderen auf dem Wege der Entfaltung seiner Persönlichkeit hilfreich zur Seite zu stehen. Damit lassen sie es sehenden Auges zu, dass ihnen andere frech und ungerührt die Butter vom Brot nehmen und bezahlen ihren Dauerfrust mit Burnout und vorzeitiger Pensionierung.

Meine Empfehlung ist es, sich dies nicht länger gefallen zu lassen, sondern sich endlich wie ein Profi zu benehmen. Dazu gehören für mich viele, insbesondere die folgenden Aspekte:

  • sich aus eigenem Antrieb weiterbilden, um auf der Höhe der Zeit zu bleiben – fachlich, psychologisch und pädagogisch
  • neuen Lehr- und Lernmethoden offen gegenüberstehen und täglich an einem kleinen Stück Verbesserung arbeiten
  • sich stärker in Fachverbänden zu organisieren und engagieren, und weniger in Standesvertretungen
  • Einwürfen von außen fundiert in angemessener Fachsprache entgegentreten

Ich kenne viele Lehrer, die diese Punkte nicht nur umsetzen, sondern deutlich übertreffen. Doch leider habe ich den Eindruck, dass es noch weit mehr gibt, die die Kraft es anzupacken nicht oder nicht mehr aufbringen. Gründe hierfür lassen viele aufzählen und auch was dem alles entgegensteht. Dies weiss ich alles und dazu wurde an anderer Stelle bereits viel gesagt und geschrieben. Bleibt der Fakt, dass es schlicht zu wenig geschieht.

Viele müssen ihren Teil zum Gelingen beitragen, doch der Impuls und Wunsch nach Änderung muß von innen, muß von den Lehrern kommen. Und daher richte ich meinen Appell an jeden einzelnen: Hab den Mut, Profi zu sein.