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vocational school: Lehrersein ist eine Berufung

Vielleicht geht es nur mir so, doch schwingt in meinen Ohren im Englischsprachigen Begriff “vocational school” viel mehr der Geist der Berufung (lateinisch: vocatio) mit als beim deutschen Analogon der “Berufsschule”. Stehe ich damit alleine oder empfinden andere ebenso?

Ich bin der festen Überzeugung, dass alle Lehrerinnen und Lehrer – von nur ganz, ganz wenigen Ausnahmen abgesehen – diesen, ihren Beruf aus Idealismus heraus ergriffen haben. Leider wird dieser Idealismus allzuoft in unserem Schulsystem im Laufe der Jahre verschüttet. Wäre es nicht schön, wenn alle Lehrerinnen und Lehrer sich wieder an den Moment ihrer Berufung erinnern würden? Als sie damals entschieden haben, diesen Lebensweg einzuschlagen? Und wenn sie sich jeden Morgen daran erinnern würden, um tagsüber in der Schule vor der Klasse daran anzuknüpfen? Ich für meinen Teil wünsche es ihnen von ganzen Herzen.

Drei Schwächen im deutschen Bildungssystem

Meine berufliche Tätigkeit ermöglicht es mir, Einblick in die Bildungssysteme vieler anderer Länder zu bekommen. Dazu zählen die vergleichsweise wohlhabenden Länder West-, Zentral- und Nordeuropas, unsere süd- und osteuropäischen Nachbarländer aber auch mehrere Länder des Nahen Ostens. Im Vergleich mit vielen dieser Länder muss bei uns vieles ziemlich gut laufen, sonst ginge es uns nicht so gut und wir würden nicht so beneidet. Andererseits könnten wir meiner Meinung nach noch viel besser sein, wenn wir folgende drei grundlegende Schwächen unseres Systems angehen würden. Diese sind in meinen Augen:

1) Dürftige finanzielle Ausstattung

2) Ständiges Herumbasteln an den äußeren Strukturen

3) Selbstverständnis der Lehrerinnen und Lehrer und Wertschätzung des Lehrberufes in der Öffentlichkeit

 

@1)  Dürftige finanzielle Ausstattung:

Laut Eurostat lagen die Bildungsausgaben in Deutschland 2011 bei 4.98% des BIP, der EU Durchschnitt bei 5.25%. Das Geld nicht alles ist, sieht man an Schweden. Die Bildungsausgaben sind mit 6.82% fast zwei Prozentpunkte höher als bei uns, gleichwohl ist man dort mit seinem System gar nicht zufrieden. Andererseits halte ich die Diskussion über unsanierte Schultoiletten für beschämend, die Begründungen für die Schulschließungen in ländlichen Gebieten für demütigend und den jährlich wiederkehrenden Kampf um Lehrerstellen für haarsträubend.

@2) Ständiges Herumbasteln an den äußeren Strukturen:

In keinem anderen mir bekannten Land wird so heftig über äußere Schulstrukturen diskutiert wie in Deutschland. Ständig werden neue Schulformen erfunden, in der Hoffnung und Erwartung, dass sich dann schon alles zum Besseren wenden wird. Und wenn nicht, auch egal, dann erfinden wir halt was Neues.

Nehmen wir zum Beispiel die Schulformen der Sekundarstufe 1: Sind die Unterschiede zwischen Hauptschule, Realschule, Regionalschule, Regelschule, Sekundarschule, Mittelschule, Oberschule, Realschule plus, Erweiterte Realschule, Gesamtschule und Gymnasium in der Sek1 wirklich so groß, dass man dafür 11 Schulformen benötigt? Dabei sind die verschiedenen Zweige oder sonstiges noch gar nicht berücksichtigt! Ich kann es mir beim besten Willen nicht vorstellen. Was hier an Zeit, Geld und Energie verbrannt wird? Wo könnten wir stehen, wenn wir uns nur endlich mal auf ein Modell einigen könnten.

@3) Selbstverständnis der Lehrerinnen und Lehrer und Wertschätzung des Lehrberufes in der Öffentlichkeit:

In noch keinem anderen Land ist mir ein Spruch entgegengeschlagen wie “Ich bin ja nur Lehrer.” Woher kommt dieses Sich-klein-machen nur her? Laut Allensbach Studie von 2013  ist Lehrer einer der angesehensten Berufe in Deutschland. Kein Arzt oder Handwerker stellt sein Licht derart unter den Scheffel: “Asche auf mein Haupt. Ich bin ja nur xyz.” Der bescheidene Auftritt ehrt unsere Lehrerinnen und Lehrer, doch während andere lediglich ihren Jobs nachgehen, haben Lehrerinnen und Lehrer die Möglichkeit, ihren Beruf (Berufung!) zu leben. Tut dies und strahlt dies auch aus.

Bares Geld für bessere Schüler? – Eine Antwort

Das Handelsblatt lese ich eher selten. Doch interessanterweise fand ich gerade dort am 26.3.2010 einen bildungspolitischen Beitrag mit dem Titel „Bares Geld für bessere Schüler“. In dem Beitrag werden Untersuchungen zusammengefasst und es kommen Experten zu Wort, die sich der Frage widmen, ob oder inwieweit monetäre Anreize für Schüler oder Lehrer deren Leistungen verbessern helfen können. In einer der genannten Studien wurden Lehrer für das gute Abschneiden ihrer Schüler in einer unabhängigen Vergleichsprüfung belohnt, in einer anderen Studie bekamen die Schüler das Geld.

Bonussysteme können sicherlich ein Mittel sein, Leistungsbereitschaft und Leistungswillen zu fördern und damit tatsächlich Leistungen zu steigern. Doch ob dies für Schule ein taugliches Mittel ist, halte ich für fraglich:

Es stellt sich die allgemeine Frage nach der testtheoretischen Güte des Verfahrens, also der Objektivität (Ist die Untersuchung objektiv?), Reliabilität (Wird das Merkmal zuverlässig gemessen?) und Validität (Misst das Verfahren das gewünschte Merkmal?). Einverstanden, möchte man diese Kriterien tatsächlich in aller Schärfe anlegen, dann würde man es wohl etwas übertreiben. Es ist weithin üblich, dass der nächste Karriereschritt gegangen und der variable Gehaltsbestandteil ausbezahlt wird, auch wenn die Gütekriterien nicht perfekt erfüllt werden und dass ohne Aufschrei allenthalben.

Lassen wir dieses theoriebasierte Argument beiseite und stellen inhaltliche Fragen:

Es ist menschlich, sich opportunistisch zu verhalten. Misst man den Grad der Erfüllung einer bestimmten Größe und belohnt hohe Erfüllungsquoten, so wird der Belohnte im Regelfall alles unternehmen, um seine Belohnung zu maximieren. Die induzierten Verhaltensweisen können sehr vielfältig sein, auf alle Fälle werden sie auf eine Maximierung des finanziellen Ergebnisses hin optimiert sein. Entspricht dies unserem Bild von Schule? Was wird aus dem lebendigen Schulleben und der Schulfamilie? Was wird aus dem umfassenden Bildungsauftrag der Schule, der weit über das in standardisierten Prüfungen abrufbare hinausgeht? Es stellt sich also die Frage, ob die Nebenwirkungen mit der gewünschten Wirkung in einem akzeptablen Verhältnis stehen.

Letztlich sollte man auf einen Vorschlag aus der Finanzwelt mit Argumenten in der Sprache und Logik dieser Welt antworten:

  • Finanzielle Anreize sind materielle Verstärker. In der Lernpsychologie wird von dem Einsatz von materiellen Verstärkern abgeraten, da sie nicht langfristig tragen, sondern sie sich in ihrer Wirksamkeit abnutzen. Man muss also entweder einen immer höheren Anreiz bieten oder akzeptieren, dass ein Ausbleiben des Anreizes einen Rückfall in die Zeit vor Einführung des Systems zur Folge hat.
  • Stimmt die Kosten-Nutzen-Analyse? Und wie schneidet diese Maßnahme im Vergleich zu anderen denkbaren Maßnahmen ab? Angenommen man würde akzeptieren, dass das Abschneiden in einem standardisierten Test, z.B. der Abiturprüfung, ein hinreichendes Maß für den Erfolg oder Misserfolg einer Lehrkraft ist, dann sollte doch bitteschön die Maßnahme ergriffen werden, die den höchsten Zugewinn erwarten lässt.

Auf dem Basar der Möglichkeiten scheinen die vorgeschlagenen, drastischen finanziellen Anreize für Schüler oder Lehrer ein Neuzugang zu sein. Sie stehen jedoch in Konkurrenz zu anderen Optionen und sind entsprechend hinsichtlich ihrer gewünschten Wirkungen wie unerwünschten Nebenwirkungen zu bewerten.

Die Frage nach der Lernwirksamkeit

Computer im Unterricht – ein Thema so alt wie die Computer selbst. Da muss es doch verwundern, weswegen sich dieses Thema nicht schon lange erledigt hat, sondern weswegen immer noch darum gestritten wird. In meinem letzten Beitrag schrieb ich davon, dass sprachliche Abrüstung auf beiden Seiten ein erster, notwendiger Schritt sein muss, damit sich die gegensätzlichen Positionen einander annähern können. (Woran die Diskussion über Computer im Unterricht krankt, vom 22.2.10) Natürlich ist es aber mit neuen Sprachformen alleine nicht getan. Wesentlich wird sein, dass Sprache und Taten miteinander übereinstimmen. Dies betrifft z.B. die Konzeption und Durchführung von Pilotprojekten.

Werden Projekte in Vorträgen oder Workshops vorgestellt oder liest man etwas darüber, so geht es im Regelfall um die Chancen, die man sich von dem Einsatz der einen oder anderen Technologie verspricht. Oder es geht um das Gegenteil, nämlich eine Herausarbeitung der Risiken. Die Ergebnisvorstellungen sind im Vergleich zu den Ankündigungen meist viel bescheidener, schließlich hat sich weder das Gute noch das Schlechte als so deutlich herausgestellt wie erhofft. Nun ist es aber mit dem eigenen Ego meist nur schwer zu vereinbaren, festzustellen und zugeben zu müssen, dass die viele Zeit und Energie und vielleicht auch Geld, zu großen Teilen nicht gebracht hat. Zu guter Letzt wird das Nicht-Einstellen von Verschlechterung als Erfolg gefeiert oder die Versagensursachen auf Dritte oder äußere, leider nicht-kontrollierbare Einflüsse geschoben.

So z.B. im vergangenen Jahr als in Frankreich ein 45 Millionen Euro teures Notebookprojekt für gescheitert erklärt worden, weil – salopp formuliert – die Lehrer nicht willens waren und die Schüler sowieso nur den ganzen Tag mit den Rechnern gespielt haben. Leider war in den mir zugänglichen Veröffentlichungen nichts zu erfahren, was man denn in Folgeprojekten anders machen möchte, was gelernt wurde, worauf andere achten sollen.

Ich kenne die Hintergründe des genannten Projektes nicht vollständig, doch kann man sich gut vorstellen, wie es gelaufen ist: jemand wollte sich profilieren und hat dafür ganz viel Geld locker gemacht. Damit alle mitspielen mussten die Erwartungen entsprechend hochgeschraubt werden. Da hochgeschraubte Erwartungen aber fast nie eintreffen, war das Versagen absehbar. Mein Tipp: Von Anfang die Frage nach möglichen Versagensgründen mit vorsehen. Somit erhält man an Ende sowohl eine Bestätigung seiner Erwartungen und seiner Befürchtungen – beides zumindest bis zu dem Grad des tatsächlichen Eintretens. Damit hat man definitiv mehr vorzuweisen, als wenn man den zweiten Teil, den mit den Risiken und Gefahren auszublenden versucht.

Was hat dies mit Computern im Unterricht zu tun? Eine ganze Menge, denn aufgrund der raschen technologischen Entwicklung sind gerade technologienahe Projekte gefährdet, die Chancen des jeweils neuen in den Mittelpunkt der Untersuchungen zu stellen, vielleicht nicht zuletzt aus dem Glauben heraus, dass sich die möglicherweise auftretenden Probleme mit der nächsten Technologiegeneration behoben sein werden. Für die technischen Probleme gilt dies mit großer Wahrscheinlichkeit, aber ist dies die entscheidende Frage? Ist nicht die viel wichtigere, die nach der Lernwirksamkeit, welchen Beitrag eine bestimmte Technologie oder Technologie im Allgemeinen zum Lernfortschritt leistet. Um diese Frage wirklich beantworten zu können, ist es notwendig, sowohl das Mögliche als auch die Grenzen aufzuzeigen. Und dies geht dann am besten, wenn von Beginn an diese beiden Seiten derselben Medaille gleichzeitig beleuchtet werden.

Ist Idealismus in der Schule überhaupt noch sinnvoll?

In meinen Blogs Hab Mut, Profi zu sein (17.09.09) und Warum sich Lehrer zuvorderst selbst aus den Sumpf ziehen sollten (03.10.09) habe ich beschrieben, dass sich Lehrer professionalisieren müssen, um ernst genommen zu werden, und dass der Anstoß dazu in erster Linie von ihnen selbst kommen muss. Mit Kollegen aus Großbritannien und Schweden habe ich vor einigen Tagen genau zu dieser Frage gesprochen. Als gemeinsamen Nenner haben beide erklärt, dass die zunehmende Professionalisierung in ihren Ländern hauptsächlich von den jung einsteigenden Lehrern getrieben wird. Für diese stellt sich die Frage nach der Berufswahl anders, als sie sich für die, sagen wir mal im letzten Dienstdrittel stehenden Lehrer seinerzeit gestellt hat. Es geht weniger um die Berufung zum Lehramt, es geht um eine nüchterne Aufwand-Nutzen-Risiko-Rechnung.

Die heute Junglehrergeneration ist von ganz anderen Erfahrungen geprägt als es die Generationen vor ihnen waren. Prägend hinsichtlich der Arbeitswelt scheint unter anderem zu sein, dass Unternehmen heute weniger loyal zu ihren Mitarbeitern stehen, in Guten wie in schlechten Zeiten, so wie sie es in früheren Zeiten anscheinend getan haben. Mit anderen Worten: egal wie persönlich engagiert ich mich einbringe, ob ich je krank war oder nicht, das alles zählt wenig, wenn die Entlassungswelle durch’s Unternehmen läuft. Warum sollte ich also mehr Idealismus zeigen als nötig? Wenn der Shareholder seinen regelmäßigen Profit einfordert, dann bekommt er ihn, aber auch nicht einen Deut mehr. In einer simplen Aufwand-Nutzen-Risiko-Analyse kommt der Lehrerberuf nicht schlecht weg. Nach gängiger Meinung hat man als Lehrer nach einer gewissen Einarbeitungszeit im Großen und Ganzen einen erträglichen Job auch dank ausreichend viel Ferien und akzeptabler Bezahlung. Warum also nicht Lehrer werden?

Oder gehört zum Lehrerberuf doch ein gehöriges Maß an Idealismus? So sehr ich mich über jeden Lehrer und jede Lehrerin freue, die ihre Aufgabe als Berufung begreifen und nicht lediglich als Job, so wenig halte ich diesen Idealismus für zwingend erforderlich. Für mich ist es in erster Linie wichtig, dass unsere Lehrkräfte Freude an ihrer Arbeit haben, gleich aus welchen Motiven heraus. Nur wenn sie selbst Freude empfinden, kann guter Unterricht gelingen. Guter Unterricht in diesem Sinne ist einer, den unsere Kinder gerne besuchen und von dem sie etwas mitnehmen, fachlich und menschlich.

Im System Schule wird Idealismus zukünftig übrigens zunehmend weniger honoriert. Die bundesweite Einführung von Vergleichsarbeiten und Zentralabitur hat zur Folge, dass es in wachsendem Maße darauf ankommt, was hinten herauskommt; sprich: wie die anvertrauten Schüler, man selbst, seine Schule, sein Bundesland gegen einen von außen gesetzten Vergleichsmaßstab abschneiden. Der Output gewinnt also gegenüber dem Input an Bedeutung. Vorausgesetzt man findet Konsens hinsichtlich des gewünschten Outputs, muss ein solcher Ansatz gar nicht falsch sein. Stellt nicht genau dieser Output die Grundlage für das gesamte weitere Leben des jungen Menschen dar und wer will schon für eine mangelhafte Grudnlage eintreten?

In einem solchen Output-orientierten System wird Erfolg als Grad der Zielerfüllung verstanden und gemessen. Vermutlich liegt man richtig mit der Annahme, dass in einem solchen System der professionelle gegenüber dem berufenen Lehrer größere Erfolgsaussichten hat, da er seine Energie nicht auf das Hinterfragen der Motive hinter den Zielvorgaben aufwendet, sondern einfach liefert, was von ihm verlangt wird. Mit dem Wegfall der Mitsprache entfällt jedoch ein Korrektiv auf die weitere Entwicklung von Bildung. Entscheidungen über Bildung werden zunehmend von außerhalb der Schulen getroffen und von den Schulen lediglich exekutiert. Die Schule wir also verstärkt fremdbestimmt, was so nicht gewollt sein kann.

Fazit: Ein motivierter, professionell abgeklärter Lehrer ist für Schule ebenso wertvoll wie ein motivierter, idealistischer Lehrer. Beide haben ihre Bedeutung und ihren Stellenwert in dem und für das im System Schule. Eine einseitige Ausrichtung auf einen Typus und Bevorzugung desselben hätte fatale Folgen und muss daher vermieden werden. Ziel muss sein, ein Gleichgewicht zwischen den beiden genannten Lehrertypen herzustellen.

Ein Orientierungsprinzip für einen allgemeinbildenden Mathematikunterricht

Das Allgemeinbildungskonzept von Roland Fischer (O.Prof. an der Uni Klagenfurt) beinhaltet als zentrales Element die Kommunikationsfähigkeit eines Menschen mit Experten und der Allgemeinheit. Während in der Expertenausbildung eher das operative Wissen und Können im Vordergrund stehen, spielen in der Allgemeinbildung das Grund- und Reflexionswissen die wichtigsten Elemente dar. Einen Menschen mit guter Allgemeinbildung zeichnet demnach aus, dass er mit Experten verschiedenster Fachgebiete verständig kommunizieren und damit deren Aussagen sachgerecht beurteilen kann. Außerdem kann er sich selbst einer Allgemeinheit verständlich mitteilen. Mathematisches Modellieren und Interpretieren zusammen mit mathematischem Kommunizieren haben damit Vorrang vor dem Berechnen irgendwelcher Größen.

Eine mangelnde mathematische Allgemeinbildung zeigt sich dann z.B. folgendermaßen:

  • übertriebene Präzision: Prozentangaben werden grundsätzlich mit zwei Nachkommastellen angegeben, obwohl ganzzahlige Prozentwerte schon mehr als ausreichend wären.
  • Fehleinschätzung von Verhältnissen: Absolut gleiche Abweichungen stechen bei kleinen Mengen verhältnismäßig stärker heraus als bei großen Mengen, doch sind diese kleinen Mengen und damit Abweichungen davon selbst mitunter bedeutungslos, wenn die große Menge nur hinreichend groß genug ist. Große Prozentwerte finden mehr Beachtung gleich wie groß die Grundgesamtheit ist. Ausreißer verdecken den Blick auf das große Ganze.
  • Lügen mit Statistik: Die zahlreichen Beispiele sind hinlänglich bekannt, dabei geht es noch nicht einmal um die schwierigen Fälle in denen Wahrscheinlichkeiten oder relative Häufigkeiten gekoppelt werden. Bereits das richtige Lesen eines Graphen ist häufig schon eine nicht mehr zu meisternde Schwierigkeit.
  • … (ergänzen Sie hier Ihre eigenen Beobachtungen) …

Nun werden jedoch alle Wissenschaften zunehmend mathematischer, in dem die verwendeten Begriffe schärfer definiert und Ursache-Wirkung- Zusammenhänge genauer verstanden werden. Die Kommunikation mit und von diesen Experten muss demnach verstärkt eine mathematische Allgemeinbildung integrieren. Für den Mathematikunterricht unserer Schulen bedeutet dies, die oben genannten allgemeinbildenden Komponenten in den Vordergrund zu stellen und die operativen Anteile auf ein Minimum zu reduzieren.

Wie kann dies gelingen? Man wird nicht umhin kommen, einen Paradigmenwechsel an den Schulen herbeizuführen:

  • Reduktion der konkreten Inhalte auf einen wesentlichen Kern
  • Stärkung des exemplarischen Lernens
  • Konsequente Nutzung von Medien um operatives Handeln verringern zu können

Ich verbinde mit diesem Paradigmenwechsel die Hoffnung, zu einem Mathematikunterricht zu gelangen, der eine wahrhaft mathematische Allgemeinbildung im Fischerschen Sinne erlaubt; einem Unterricht also, der Menschen befähigt, mit Experten und Laien gleichermaßen über Fragestellungen in einem mathematisierten Kontext sachgerecht zu kommunizieren.

Vom Einstellungsgespräch zum veränderten Mathematikunterricht

Um sich in einem Einstellungsgespräch einen zuverlässigen Eindruck von einem Bewerber zu verschaffen, bieten sich verschiedene Methoden an. Ich selbst stelle gerne situative Fragen. Ich möchte also herausfinden, wie sich der Bewerber in konkreten Situationen in der Vergangenheit verhalten hat und sich in fiktiven Situationen verhalten würde.

Reine Wissensfragen stelle ich nur wenige. Eine der wenigen Ausnahmen sind Fragen zur Mathematik, was unserer (= Texas Instruments Education Technology) primären Zielgruppe (= Lehrkräfte für Mathematik und Naturwissenschaften) geschuldet ist. Es geht mir hierbei in erster Linie nicht wirklich um das mathematische Wissen, sondern viel mehr die Reaktion auf die Frage als solche. Diese ist oftmals verwunderlich genug. Gleichwohl sind die Antworten zumeist sehr erhellend. Hier möchte ich den Aspekt der mathematischen Allgemeinbildung beleuchten.

Die erste Frage lautet: „Was fällt ihnen zu Pythagoras ein?“ Nach zumeist längerem Überlegen kommt in der Regel eine Antwort, die zwar nicht völlig korrekt ist, aber doch zumindest auf verschüttetes Wissen hindeutet. Zumeist antworten die Kandidaten bruchstückhaft etwas, was an aquadratplusbquadratgleichcquadrat erinnert. So weit so gut. Als nächstes folgt die Frage: „Bei welchem Dreieck gilt dies?“ Anfangs, vor meiner großen Ernüchterung, ging ich davon aus, dass nun das Wort „rechtwinklig“ fällt. Dies tut es aber nicht. Stattdessen wird fast ausnahmslos „gleichseitig“ vermutet. Hätten Sie’s gedacht?

Es wäre jetzt billig, die mangelnden mathematischen Kenntnisse weiter Teile der Bevölkerung als Anlass zu einem allgemeinen Lamento zu nehmen. In diesen Chor möchte ich nicht einstimmen, da ich gestehen muss, dass z.B. von meinem Latein-Unterricht auch nicht wesentlich mehr übrig geblieben ist.

Wenn also dieses Detailwissen, welches im Fall Pythagoras ständig und immer wieder eingebimst wird, schon nicht vorhanden ist, muss die Aufgabe des Mathematikunterrichts dann nicht etwas ganz anderes sein? Nämlich weniger Kalkül und Rechenschemata zu üben als viel mehr Strukturen zu erkennen und Beziehungen herzustellen?

Mathematikunterricht hat häufig viel mit Rechnen und wenig mit Mathematik zu tun. Oft wird an dieser Stelle die Kurvendiskussion geschmäht. Oder die seitenlangen Termumformungen in der Mittelstufe. Der Satz des Pythagoras wird aber ebenso missbraucht: Finde einen geeigneten rechten Winkel und damit den Schlüssel zur richtigen Schublade. Dies ist auch nicht sinnerfüllter als zu einer gegebenen Funktion alle charakteristischen Punkte zu berechnen.

Ich plädiere daher dafür, die Mathematik im Unterricht als eine lebendige Wissenschaft erfahrbar zu machen. Dazu gehört das Entdecken und Forschen, dass Mutmaßen und Irren genauso, wie das Erkennen, Ordnen und Beweisen.

Gibt es Menschen, die in diese Richtung arbeiten? Ja, die gibt es. Am besten vertraut sind mir die Lehrerinnen und Lehrer des Lehrernetzwerkes T3 Deutschland, die davon überzeugt sind, dass der  Einsatz von Technologie im Unterricht, ein Katalysator für Veränderung ist. Jedem, der an einem im oben Sinne beschriebenen Sinne veränderten Mathematikunterricht interessiert ist, sei empfohlen, mit T3 in Kontakt zu treten um mehr über deren Ziele und Vorstellungen zu erfahren.

Jeden Tag ein bisschen besser

In meinem Blog Hab den Mut, Profi zu sein! vom 17.9. 2009 äußerte ich den Wunsch, dass sich Lehrerinnen und Lehrer professionalisieren sollten und hierzu auch einigen Hinweisen gegeben. Angeregt durch einen Vortrag zur COACTIV-Studie möchte ich auf einen Punkt besonders eingehen, der im Berufsbild Lehrer meist nur eine untergeordnete Rolle spielt. Es ist dies der persönliche, innere Wunsch einer jeden Lehrkraft nach ständiger Verbesserung und Weiterentwicklung.

Es gibt Berufe, bei denen es beruflich und gesellschaftlich betrachtet selbstverständlicher Teil des Berufsbildes, seine eigenen Schwächen zu erkennen und an deren Behebung zu arbeiten, und sich kontinuierlich durch eigene Anstrengung und externe Unterstützung weiterentwickeln zu suchen. Hierzu gehören z.B. Sportler oder Musiker, aber auch andere Berufsgruppen. Von den Vertretern dieses Berufes, ob Profi oder Amateur, wird lebenslang eine stete Verbesserung des eigenen Könnens, als Minimum zumindest der Erhalt der eigenen Leistungsfähigkeit angestrebt.

Mein Eindruck, dass dies bei Lehrern nicht in gleichem Maße der Fall ist. Folgende Merkmale sind nicht Teil des Berufsbildes Lehrer:

  • regelmäßige Analyse individueller Stärken und Schwächen hinsichtlich fachlicher, pädagogischer, didaktischer oder methodischer Kompetenzen
  • darauf aufbauend Entwicklung eines individuellen Trainingsplanes
  • kontinuierliche Erfolgsmessung zur Sicherung des Erreichten und Feinjustieren des Trainingsplanes

Es lassen sich viele, zumeist äußere, durch das System Schule gegebene Gründe für diesen Sachverhalt nennen. Fakt bleibt, dass es so ist. Fakt bleibt auch, dass von außen wenig Hilfe zu erwarten ist. Bleibt nur eines: der Blick nach innen. Selbst wenn von außen große Anstrengungen unternommen würden, diesen Sachverhalt zu ändern, so würden diese doch nur fruchten, wenn sie auf die richtige innere Einstellung träfen. Dies bedeutet zu vorderst, dass sich die Lehrkräfte selbst, aus eigenem Antrieb und eigenen Willen heraus um diese stete Steigerung der persönlichen Fertigkeiten und Fähigkeiten bemühen müssen. Daher wünsche ich mir, dass jeder Lehrer für sich selbst das Bedürfnis entwickelt, jeden Tag ein bisschen besser zu werden.